Serie Stärken stärken ~ Nr. 1: „Bescheidenheit“ aktiv leben

Heute starte ich mit der Serie “Aktiv Stärken stärken“ basierend auf dem Stärkentest der Positiven Psychologie. Ich rief eine Freundin an um zu fragen, was Ihre größte Stärke sei. „Bescheidenheit“, sagte sie. Ich konnte mir ein „oha“ nicht verkneifen.

 

Zugegeben, diese Charakterstärke steht bei mir im Testergebnis ziemlich weit hinten. Und sofort fiel mir der Spruch: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter komme ich ohne ihr.“ ein. Nicht sehr hilfreich für den Artikel…  Meine Freundin lachte.

Nachdem ich aufgelegt habe, fragte ich mich, was sie ausmacht und was ich an ihr bewundere. Und das ist beispielsweise folgendes:

  • Sie kann sowohl im Zweiergespräch, als auch in Gruppen-Meetings ruhig und aufmerksam zuhören. Dabei unterbricht sie niemanden, sondern hält sich zurück und beobachtet genau. Und dann sagt sie etwas, was bereits wohl durchdacht ist und die Punkte von allen berücksichtigt. Oder sie fasst zusammen und stellt Fragen, die das Gespräch vertiefen oder in eine sinnvolle Richtung lenken.  – Sie ist also wertschätzend, hat Gemeinschaftssinn und wirkt strukturgebend.

 

  • Überhaupt ist sie sehr bedacht und eher vernünftig. Klar kann sie auch mal über die Stränge schlagen, doch bei wichtigen Dingen überlegt sie genau, wie sie etwas angeht. Was sie angeht, macht sie gescheit und ohne viel Aufhebens.

 

  • Über andere spricht sie nie negativ. Sie respektiert Menschen und verehrt sie aufrichtig. – Sie ist also ohne Neid und Lästerei.

 

  • Sie gehört zu den Menschen, die „Nachhaltigkeit“ oder „Corporate social responsibility“ nicht als Marketingschlagworte verstehen, sondern die aktiv etwas dafür tut. Übrigens ist sie Geschäftsführerin einer Public Relations Agentur.

 

  • Zudem fördert sie andere, kann sich zurücknehmen und muss nicht in erster Reihe stehen. Sie stellt die Leistungen ihrer Mitarbeiter in den Vordergrund und freut sich daran.

Wow, alles wertvolle Verhaltensweisen. Und Bescheidenheit bedeutet offensichtlich nicht, dass man nicht auch Karriere machen kann.

Was ist also Bescheidenheit genau?

Auf Wikipedia ist der Begriff so definiert:

„Bescheidenheit, auch Genügsamkeit, ist eine Verhaltensweise von Menschen, wenig von etwas für sich zu beanspruchen, selbst dann, wenn die Möglichkeit der Vorteilnahme bestehe; sie bedeutet auch, zugunsten anderer auf etwas zu verzichten.“

Und im Testergebnis der Positiven Psychologie steht dazu:

„Sie streben nicht danach, im Rampenlicht zu stehen und bevorzugen es, Ihre Leistungen für sich sprechen zu lassen. Sie sehen sich nicht als etwas Besonderes an. Andere bemerken und schätzen Ihre Bescheidenheit.“

Bescheidenheit im Arbeitsleben

Vertreter der Positiven Psychologie raten, sich für nachhaltige Lebenszufriedenheit eine Arbeit zu suchen, bei der man seine Signaturstärken jeden Tag nutzt. Sofort fallen mir Krankenschwestern oder Altenpfleger ein, also Berufe im Gesundheitswesen. Und natürlich Nonne oder Pfarrer, also Tätigkeiten mit spiritueller Ausrichtung.

Und doch zeigt das Beispiel meiner Freundin, dass es nicht nur die scheinbaren Klassiker sein müssen, sondern es kommt sicher auch auf das Umfeld und natürlich auf die weiteren Stärken und persönliche Interessen an. Sie interessiert sich für Kommunikation und arbeitet in einer Agentur, die keine „hire & fire“-Mentalität hat, sondern die Unternehmenswerte „Menschlichkeit sowie Mitarbeiter- und Kundenfokus“ auch wirklich lebt.

Auch Coachs brauchen Bescheidenheit, denn hier geht es ja maßgeblich darum, andere zu eigenen Ideen und Lösungen zu bringen. Da ist Zurückhaltung gefragt und es geht überhaupt nicht um einen selbst. Zurückhaltung musste ich anfangs üben und bin wohl nicht von ungefähr auch noch Trainerin und Schriftstellerin.

Bescheidenheit braucht im Grunde jede Form von Beratung und Dienstleistung. Und so ist die Freundin in der Presseagentur ganz richtig, denn hier unterstützt sie Unternehmen und andere Personen dabei, in den Blick der Öffentlichkeit zu kommen. Dafür muss sie nicht selbst ins Rampenlicht, sondern schafft die nötigen Rahmenbedingungen und knüpft im Hintergrund die Fäden für den Erfolg anderer. Dinge wie Präsentationen oder eigene Interviews widerstreben ihr eher. Hier ist sie froh darüber, dass sie Mitarbeiter hat, die ihr diesen Teil des Jobs weitestgehend abnehmen.

Bescheidenheit in anderen Lebensbereichen

Doch das Leben hat ja noch weitaus mehr Bereiche als die Arbeit und es gilt, seine Signaturstärken auch in diesen zu leben, um glücklich zu sein.

Ich erinnere mich gut, wie intensiv meine Freundin vor Jahren ihren Mann auf seinem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt hat. Auch für meine Themen hat sie immer ein offenes Ohr und wirkt oft klärend auf meinen wild-kreativen Geist.

Hilfsbereitschaft und Menschliebe gehen sehr oft mit Bescheidenheit einher und beides lässt sich auch im Privatleben sehr gut umsetzen. So kann man einer Hilfsorganisation beitreten oder Familienmitglieder fördern. Vielleicht machen Sie Bescheidenheit und das, was Sie damit verbinden und Ihnen wichtig ist, auch zu einem Blogthema und teilen Ihre Ansichten mit der Welt.

Oder Sie verzichten gerne mal zugunsten ihres Patenkindes oder einer anderen Person, auf etwas, was Sie am Wochenende tun wollten. Vielleicht überlassen Sie auch freudigen Herzens jemandem die Ehrung für einen gemeinsam erreichten Erfolg.

Wichtig ist, dass Sie diese Aktivitäten erfreuen. Und oft sind es vor allem die vielen kleinen Dinge, die man sich täglich bewusst in sein Leben einladen kann, die die Stärken zum Einsatz bringen und das eigene Leben bereichern.

Vor allem ist es wichtig, dass Sie sich darüber im Klaren sind, was „Bescheidenheit“ für Sie bedeutet und welche Verhaltensweisen Sie damit verbinden.

Wie Sie generell vorgehen, wenn Sie Ihre Signaturstärken im Alltag vermehrt integrieren möchten, lesen Sie in meinem Blogartikel „Aktiv Stärken stärken“. Zum Abschluss finden Sie konkrete Reflexionsfragen zum Thema Bescheidenheit.

Reflexionsfragen bezüglich der Signaturstärke „Bescheidenheit“

Wenn Sie „Bescheidenheit“ unter Ihren ersten fünf Signaturstärken haben, sind die folgenden Fragen zur Klärung und Vertiefung für Sie interessant:

  • Was bedeutet Bescheidenheit für mich?

 

  • In welchen konkreten Situationen verhalte oder empfinde ich mich als bescheiden?

 

  • Welche positiven Eigenschaften gehen mit meiner Bescheidenheit einher?

 

  • Welche negativen Gefühle habe ich möglicherweise hinsichtlich meiner Bescheidenheit? Wo liegen hier dennoch Vorteile für mich?

 

  • Was ermöglicht mir meine Bescheidenheit?

 

  • Bieten mir mein derzeitiger Beruf mit seinen täglichen Aufgaben und Anforderungen ein für mich ausreichendes Maß an Bescheidenheit? – Wenn nicht: Was kann ich tun oder anpassen, um es für mich stimmig zu verändern? (Hier geht es nicht gleich um Revolutionen; oft sind es nur kleine Stellschrauben an denen wir drehen müssen, um etwas zum Positiven zu verändern.)

 

  • Wie kann ich Bescheidenheit in Kombination mit meinen anderen Signaturstärken und meinen Interessen verbinden und in mein Leben integrieren?

 

  • Bieten mir mein Privatleben und meine Freizeitaktivitäten aktuell ein für mich stimmiges Maß an Bescheidenheit? – Wenn nicht: Was kann ich tun, damit es so wird?

 

  • Gibt es konkrete Schritte, die ich nun diesbezüglich angehen möchte?

 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Reflektieren!

  Kommentare zu “Serie Stärken stärken ~ Nr. 1: „Bescheidenheit“ aktiv leben

  1. 25. Januar 2012 at 13:45

    Sehr schöner Artikel, Yvonne! Gerade auch das Beispiel Bescheidenheit wird bei vielen einen besonderen Aha-Effekt auslösen, was alles (wie) zu Stärken gehört. Habe bei uns im Blog auf die Serie verwiesen.

    Viele Grüße
    Gitte

  2. 30. Januar 2012 at 15:24

    Liebe Yvonne,

    der Artikel gefällt mir sehr gut. Zum einen finde ich das Motto Stärken stärken sehr wichtig. Ich benutze das auch oft im Coaching. Viel zu schnell können die Meisten, vor allem Frauen ihre vermeintlichen Fehler und Schwächen benennen und wollen diese verbessern. Ich finde es wichtiger, das zu stärken was schon da ist. Das Thema Bescheidenheit finde ich interessant, denn gerade für Berater und Coaches ist das ein Muss. Wer selbst im Rampenlicht stehen möchte, ist da falsch. Das muss man aber erst einmal für sich klar haben. Ich werde den Artikel in meinen Blog verlinken, danke dafür.

    alles Liebe
    Barbara Steldinger

  3. Birgit
    30. Januar 2012 at 18:39

    Liebe Yvonne,
    herzlichen Dank für das Lob auf die (meine) Bescheidenheit. Du hast die Ausprägungen wirklich toll beschrieben. Gerne möchte ich noch zwei Aspekte anbringen.
    Wie Gitte in ihrem Post schreibt, ich hatte tatsächlich ein Aha-Erlebnis, als ich Bescheidenheit als eine Stärke bei der Positiven Psychologie gefunden hatte. Denn mir ist es in der Vergangenheit eher schwer gefallen, Bescheidenheit tatsächlich als Stärke zu sehen, in einem Umfeld, in dem es doch recht laut und selbstdarstellerisch zugeht. Unprätentiös war eine Bezeichnung, die ich gerade noch akzeptieren konnte. Dies hat sich nun mit der Zeit geändert.
    Darüber hinaus habe ich auch gelernt, in entscheidenden Momenten über meinen Schatten der Bescheidenheit zu springen, meine Komfortzone zu verlassen, denn zu bescheiden sein, hilft manchmal weder mir selbst noch der Sache. Da kommen dann, wie Du auch schreibst, die anderen Stärken ins Spiel und diese Dynamik ist dann wirklich spannend.

    Beste Grüße
    Birgit

  4. 7. Februar 2012 at 07:11

    Da fällt mir doch spontan der Spruch eines alten Freundes ein. „Wenn ich nicht so bescheiden wäre, wäre ich vollkommen ;-)
    Feiner Ansatz „Stärken stärken“ LG HF

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