Haben Sie schon mal…im Dunkelrestaurant gespeist?

„Sie haben das Überraschungs-Menü gebucht? Wunderbar! Dann ist ja alles klar. Bitte eine Schlange bilden und an der Schulter des Vormannes festhalten. “ – Und los ging die Polonaise in die absolute Dunkelheit.

Essen im Zappendusteren ist wahrlich eine ganz besondere Erfahrung. Und das nicht nur für alle Sinne, sondern auch für Kommunikationsverhalten und den Umgang miteinander.

Diese haben wir letzten Samstag gemacht; „wir“ heißt ein befreundetes Pärchen, mein Mann und ich. Für unsere Freunde war das Neuland. Wir zwei haben vor einigen Jahren schon mal ein „Dinner in the Dark“ erlebt. Allerdings waren die Kellner da sehend und servierten mit Nachtsichtgeräten. Da diese jedoch einen roten Leuchtpunkt hatten, sah man ihre Bewegung im Raum. Es war also nicht wirklich stockdunkel, und wir hatten Orientierung. Bei all dem kam ich mir irgendwie vor wie beim nächtlichen Treffen mit den Bork aus Raumschiff Enterprise.

Anders diesmal

Wir  wurden von Blinden bewirtet und es gab wirklich Null Licht im Raum. Das fand ich zunächst durchaus beängstigend – und nicht nur ich. Doch dank langsamen Gehens und den beruhigenden Worten unseres Polonaisen-Anführers kam keiner von uns auf die Idee, gleich wieder raus zu rennen.  Zugegeben: das Bedürfnis und der hartnäckige Impuls waren da.

Auch im Sitzen blieb das unheimliche Gefühl bei allen von uns noch eine Weile. Der Kellner gab uns eine kurze Einweisung, also was steht ungefähr wo vor uns auf dem Tisch, denn da befand sich schon die Vorspeise. Er empfahl uns, diese doch mit den Fingern zu essen, nahm unsere Getränkewünsche auf und verschwand.

Los gings

Zunächst mit Fühlen. Wir tasteten vorsichtig den Tisch vor uns ab: Besteck, Zuckerdose, Salzstreuer. Oder ist das Pfeffer? Hm. Serviette, Tischtuch …

„Igitt, was ist denn das?“, schrie unsere Freundin und lachte los. Überhaupt lachten wir sehr viel. Mal sichtlos und ungesehen auf einem gefüllten Teller auf Entdeckungsreise gehen, hat was. Auch ich konnte Glitschiges fühlen. Pilze? Und das? Aha, eine Tomate.

„Bäh, eine Tomate!“, schrie auch schon unser Freund, ein bekennender Hasser dieser Nachtschattengewächse, und ich bin mir nicht sicher, ob er sie nicht einfach wieder auf den Teller spuckte. Sieht ja keiner. Auffällig war, dass wir ab sofort langsamer und aufmerksamer ans Werk gingen. Die dann trotzdem noch erwischte getrocknete Tomate fand er übrigens gar nicht so schlimm.

„Wo ist denn das Brot?“ Alle vier fingen wir auf dem Tisch an rumzusuchen, was unweigerlich zu Handgemenge und lautem Gelächter führte. Inzwischen war der Wein serviert worden. Rotwein. Wie es sich gehört in hohen Stilgläsern. „Vorsicht!“, konnte ich mir nicht verkneifen auszurufen. „Wieso hab ich mich eigentlich so schick angezogen?“, fragte mein Mann. Doch unsere Besorgnis bezüglich diverser Verschüttmöglichkeiten und unauswaschbarer Flecken wich gleich wieder der Neugier. Übrigens war das erste, was wir nachbestellten, Servietten.

Soweit so gut. Wir identifizierten das meiste, was die Vorspeise beinhaltete. Manches schon beim Fühlen. Einiges dann beim Riechen. Mehr noch beim Schmecken. Anderes gar nicht.

Definitiv sind das bewusste Erleben und der kulinarische Genuss intensiver als gewohnt beim Essengehen. Wir hatten wirklich Spaß und fühlten uns wohl. Von der anfänglichen Beklemmung war nichts mehr zu spüren.

Spannende Gespräche mit vielen Erkenntnissen

Später konnten wir nachfragen und rausfinden, ob wir richtig lagen oder bekamen enthüllt, was wir nicht erfühlen, erriechen oder erschmecken konnten.

Und Nachfragen konnten wir auch alles zum Thema „Blind sein und wie das so ist“. Die Gastgeber boten uns von sich aus an, frei und ungehemmt alle uns interessierenden Fragen zu stellen. Und das war gut so, denn die meisten von uns hätten sich das aus Anstandsgründen sonst sicher nicht getraut.

Ich hatte letztens irgendwo gelesen, dass selbst von Geburt an Blinde innere Bilder und Farben sehen und wollte nun wissen, ob das stimmt. Beantwortet bekam ich die Frage von einer Frau, die mit Mitte 30 den Großteil ihres Sehvermögens verlor und diese Frage schon mit blinden Freunden besprochen hat. Ihre Befragungen ergaben, dass von Geburt an Blinde eine andere Art von inneren Bildern haben und keine Farben sehen, während im Laufe des Lebens Erblindete  weiterhin innere Bilder und Farben sehen.

Die Vorstellung, das Augenlicht zu verlieren, beängstigend mich, und so fand ich es interessant von einer Kellnerin zu erfahren, das die Frustration und die Panik nach ihrer Erblindung gar nicht so lange anhielt und dass sie heute nicht weniger glücklich ist, als früher. ‚Hut ab‘ kann ich da nur sagen. Und auch hier zeigt sich: Wir sind die Gestalter unseres Lebens und es liegt an uns, wie wir mit dem umgehen, was uns passiert.

Wahrnehmung &Kommunikation mal anders

Im Grunde ist die Wahrnehmung  beim Dunkelessen eine völlig andere als sonst. Während wir normalerweise im Restaurant Reize vor allem mit den Augen aufnehmen, passiert hier sehr vieles über Gehör, Tastsinn und Gefühl. Besonders interessant fanden wir abzuschätzen, wie groß eigentlich der Raum ist, wie viele Gäste noch da und  wie groß die Abstände zwischen den Tischen sind.

Und bei Gesprächen in absoluter Dunkelheit wird einem erst einmal bewusst, wie viel wir sehenden Auges über Körpersprache und Mimik wahrnehmen. Wir wissen, ob uns jemand noch zuhört oder sich überhaupt angesprochen fühlt. Das fällt im Dunkeln weg. Recht oft stellte ich eine Frage und bekam einfach keine Antwort, obwohl niemand aus unserer Viererrunde gerade etwas sagte. Insgesamt hatten wir die Tendenz, viel lauter zu reden als gewöhnlich.

Eine außergewöhnliche und lohnende Erfahrung

Hauptspeise und Dessert wurden dann mit Besteck verzehrt. Das war wieder anders. Denn wenn man nicht sieht, wo man rumschneidet und ob oder was man auf der Gabel hat, ist das Sattwerden gar nicht so einfach. Wieder war der Serviettenbedarf hoch. Ohne Fühlen ging gar nix.

Auch so manches Spielchen konnten wir uns nicht verkneifen, beispielsweise dem anderen das Besteck oder das Glas entführen. Oder etwas auf den Teller legen, was nicht hingehört, bis hin zu kleinen Erschreckereien.

Zum Schluss wollten wir noch im Selbstversuch ausprobieren, ob wir den Weg nach draußen im Alleingang  finden. Daran wurden wir jedoch schnell und lautstark gehindert. Und klar: hier hilft Nachdenken vorm Tun, denn leicht kann es passieren, dass man andere erschrickt oder was umwirft. Nun denn, die Experimentierlust ;-).

Wieder draußen war, wie wir schon vorab befürchtet hatten, erst einmal das Licht schrecklich grell. Und ich hätte durchaus noch länger im Raum sitzen können. Die Zeit, es waren drei Stunden, verging wie im Flug. Die besondere Erfahrung nutzt sich keineswegs schnell ab. Ich hatte zunehmend das Gefühl besonderer Geborgenheit und zwischendurch kann man sich zur Entspannung ja einfach aufstützen und hinfläzen wie man will – sieht ja keiner.

Ja, ich kann Ihnen dieses Erlebnis absolut empfehlen. Wenn Sie in und um München wohnen, können Sie das Dunkelerlebnis beim Blinden Engel buchen. Aber auch in vielen anderen Städten gibt es dedizierte Dunkelrestaurants oder es wird als Event von Restaurants angeboten. Einfach mal googeln und ausprobieren.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei und würde mich freuen, wenn Sie Ihre Erfahrung mit uns teilen.

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