Leben Sie, was Sie wollen?!

„Ich habe mein ganzes Leben lang gemacht, was ich wollte. Ich habe ungeheuer intensiv gelebt, und ich habe nicht das Gefühl, ich hätte irgendetwas versäumt. Also brauche ich nicht zu jammern, … ich kann gehen.“

Das ist eine der Aussagen von Tiziano Terzani im Buch: „Das Ende ist mein Anfang“, die mich sehr berührt haben. Der italienische Schriftsteller und Spiegel-Korrespondent hat seinem Sohn Folco kurz vor seinem Tod das ihm Wichtigste aus seinem Leben erzählt. Der Sohn wiederum hat ihm seine Fragen gestellt und alles aufgeschrieben. Daraus ist ein äußerst lesens- und nachdenkenswertes Buch entstanden, dass auch vor einigen Jahren mit Bruno Ganz in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Dieser lief kürzlich auf Arte, und ich möchte Ihnen nicht nur Buch und /oder Film wärmstens empfehlen, sondern Sie zudem einladen, Ihr Leben hin und wieder mit Hinblick auf seine Endlichkeit zu betrachten.

Mir selbst hat das vor vielen Jahren sehr dabei geholfen, mir klar zu werden, was ich wirklich will. Und es tut es immer wieder. Denn das, was ich will, ist durchaus veränderlich. Manche Themen sind irgendwann durch; manches bleibt stabil. Zudem finde ich diesen Blickwinkel ausgesprochen hilfreich, um mich immer wieder auf meinen Kurs zu bringen. 

Das Leben vom Ende her betrachten

Der Einstieg, mich mal aus dieser Perspektive mit meinem Leben auseinanderzusetzen, war eine Coaching-Methode, die beispielsweise unter dem Namen „Meine Grabrede“ bekannt ist. Im wesentlichen geht es hier darum, sich vorzustellen, wen Sie sich auf Ihrer eigenen Beerdigung wünschen, welche Person Ihre Grabrede hält und was aus Ihrer eigenen Sicht deren optimaler Inhalt sein soll.

Nun könnte man das leicht mit der Bemerkung abtun „Was danach ist, und was man dann über mich sagt, ist mir egal.“ Doch darum geht es nicht. Hier geht es darum, sich ernsthaft und ehrlich mit dem auseinander zu setzen, was Ihnen zu Lebzeiten wirklich wichtig ist. Denn das kann zu äußerst interessanten Erkenntnissen für seinen ganz eigenen Weg und zu seiner eigenen Lebensvision führen, dazu gehört zum Beispiel:

  • Welche Personen liegen Ihnen wirklich am Herzen?
  • Was ist Ihnen in Ihrem Leben wirklich wichtig? 
    • Was wollen Sie? 
    • Wofür leben Sie? 
    • Wofür brennen Sie?

Seine eigene Grabrede zu schreiben, ist keine Schnell-Schnell-Technik, sondern man braucht Zeit und den Willen, sich auf sich selbst, seine Wünsche und Bedürfnisse, aber auch auf Schmerzliches und seine Schattenseiten einzulassen. Die eigene Grabrede zu schreiben, ist wahrlich keine heitere Übung, dafür aber eine sehr wirkungsvolle.

Achtung: Wenn Sie diese Übung für sich durchführen wollen, sollten Sie das nur tun, wenn Sie in gesunder und stabiler psychischer Verfassung sind! Wenn Sie Bedenken oder Angst haben oder sich einen fachkundigen Begleiter wünschen, sollten Sie sich an einen qualifizierten Coach wenden. 

Es ist hilfreich, die Rede wirklich auszuformulieren. Stellen Sie sich dabei vor, was eine geliebte Person über Sie in Bezug auf das, was Ihnen in Ihrem Leben wichtig war, sagen würde. Wenn Sie sie fertig geschrieben haben, überlegen Sie, inwieweit Sie das heute schon tatsächlich leben und wo Sie noch mehr auf Ihren Kurs kommen wollen. 

Die letzten Worte an sich selbst

Einige Jahre später habe ich das Ganze noch intensiver erlebt. Neben zahlreichen psychologischen Aus- und Weiterbildungen habe ich auch einige intensive Selbsterfahrungs-Seminare besucht. In einem wurde die Grabrede in abgewandelter Form in einer Gruppenübung beklemmend real inszeniert: Der Raum war hergerichtet wie eine Krypta. Leise feierliche Musik. Blumen. Kerzenlicht. In der Mitte stand ein Sarg, darin lag eine verhüllte Person. Aufgabe war es, sich vorzustellen, diese verhüllte Person sei man selbst. Dann hatten wir Zeit, unsere letzten Worte zu uns zu sprechen und Abschied zu nehmen.

Nacheinander traten wir vor den Sarg. Sicher können Sie sich vorstellen, dass sich hier keiner der tiefgehenden Wirkung der Aufgabe entziehen konnte. Diese Erfahrung gehört zu den nachhaltigsten, die ich je in Seminaren gemacht habe. Und dass nicht nur aufgrund meines eigenen Erlebens. Sehr dankbar bin ich auch dafür, gehört haben zu dürfen, was die anderen gesagt und getan haben. Jeder von uns hatte seine sehr eigene Art, sich von sich selbst zu verabschieden und seine ganz eigenen Themen. Von jeder Grabrede konnte ich entweder etwas für mich lernen oder mich über mich selbst freuen oder wertschätzen, dass ich das ein oder andere Paket nicht zu tragen oder manche „Baustelle“ für mich beseitigt habe.

Was man von dieser Übung hält und ob man sie als zu krass empfindet, liegt jedem frei, selbst zu entscheiden. Jeder von uns Teilnehmern war jedoch äußerst dankbar und sehr berührt davon, sich in geschütztem Rahmen so unausweichlich mit sich und seinem Leben auseinandergesetzt zu haben. 

Hurra, wir leben noch

Dieses Lied ging mir durch den Kopf, als ich danach einen Spaziergang durch die Nacht gemacht habe. Ich kann mich noch gut erinnern, wie intensiv ich das Leben da gespürt habe, genauer gesagt: Die Freude, zu leben.

Und wie schön ist es doch, dass wir jetzt noch die Möglichkeit haben, 

  • etwas zu ändern, was uns nicht taugt.
  • aufzuhören, immer alles perfekt machen zu wollen oder uns innerlich für etwas zu zerfleischen. 
  • Vieles von dem noch anzupacken zu können, was uns wirklich wichtig ist.
  • oder uns zu vergeben, das wir den Zeitpunkt versäumt haben, denn für manchen Traum mag der Zug doch schon abgefahren sein. 
  • jemandem zu verzeihen. Ob nun wirklich im Außen oder zumindest im Innen, für sich selbst, ist jedem selbst überlassen. 
  • uns den Menschen, die uns wirklich wichtig sind oder etwas Gutes für uns getan haben, zu danken. 
  • dieses Leben bestmöglichst zu gestalten, zu genießen und zu feiern. 

Das Ende ist mein Anfang 

Abschließend möchte ich noch eine weitere Passage aus „Das Ende ist mein Anfang“ zitieren, die mir imponiert hat.

Vater zum Sohn: „Und – das ist mir sehr wichtig, dass du begreifst! – dass dieser Weg, mein Weg, keineswegs ein einzigartiger ist. Ich bin keine Ausnahme. Es braucht nur ein wenig Mut. …. Das wichtigste ist die Eigenständigkeit. Die Möglichkeit, das zu werden, was du willst. Und das ist erreichbar.“

„Was ist das?“, fragt der Sohn.

Der Vater: „Sein ganz eigenes Leben zu leben. Ein Leben, das nur Dir gehört. Ein Leben, in dem Du Dich wiedererkennst.“*

Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg! Hier finden Sie die Beschreibungen und Rezensionen zu Buch und Film auf Amazon. Der Titel ist auch als E-Book erhältlich. 

Und in meiner Rubrik „Verwirklicht“ finden Sie Interviews mit Menschen, die darüber berichten, wie Sie es schaffen, Ihre Träume zu leben. Lassen Sie sich inspirieren. 

*/**Quellen: Beide Zitate sind dem Film von Jo Baier, Universum Film GmbH, 2010, entnommen. 

  Kommentare zu “Leben Sie, was Sie wollen?!

  1. 9. August 2012 at 15:45

    Vielen Dank, Frau Rubin, für diesen außergewöhnlichen Beitrag!
    Maria Sartori-Plebani

  2. Gabi Gruber
    12. August 2012 at 14:42

    Hallo FRau Rubin,

    das ist wirklich ein tiefgehender Artikel. Hat mich gleich zum Nachdenken gebracht. Danke Ihnen, G. Gruber

  3. Enrico Michelbach
    26. August 2012 at 11:48

    puuuh, vor dem eigenen sarg zu stehen, stelle ich mir schon heftig vor. gestellte seminarsituation hin oder her. als ich das vor einigen tagen gelesen hab, hab ich mich gefragt, warum man sich das antut.

    seitdem musste ich ein paar mal dran denken. hab mich bei einigen sachen gefragt, wie ich es sehen würde, wenn ich rückschauend draufgucke.

    nicht schlecht, das macht was mit einem.

  4. kerstin
    14. Dezember 2012 at 18:26

    hallo frau rubin, ich habe ihren artikel, zur grabrede, erst heute gelesen. danke, dass sie ihre erfahrung geteilt haben. sehr spannend. hatten sie zu seminarbeginn zeit, sich auf die rede vorzubereiten? das wäre ja eine zweite chance, die es in echt nicht gibt.
    kerstin v.

  5. Yvonne Rubin
    16. Dezember 2012 at 09:47

    Hallo Kerstin, herzlichen Dank für Ihren Kommentar und nein, Vorbereitungszeit gab es keine. Das fand ich auch gut, denn so hatten wir die Möglichkeit, ungeschminkt vorzutragen, was zum Thema in uns steckt und konnten uns nicht noch irgendwas zurecht rationalisieren. Die Übung wurde auch erst durchgeführt, als die Gruppe sich schon sehr gut zusammengefunden hatte. Zudem wurde sie hinterher gut nachbereitet. Beste Grüße, Yvonne Rubin

  6. 28. Januar 2013 at 14:19

    Ich habe noch nie so darüber nachgedacht. Anscheinend hat der Autor aber Recht und man sollte sich wirklich mal vor Augen führen, was man im Leben machen und erreichen möchte. Leider bin ich mir darüber noch ziemlich unschlüssig und es vergeht immer mehr Zeit. Ich werde mir mal das eBook zu Laibe führen. Vielleicht bin ich danach ja schlauer ;-)

    Vielen Dank für den großartigen und ungewöhnlichen Artikel!

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