Werte begreifbar machen – hier am Beispiel „Freiheit“

Im letzten Beitrag habe ich Ihnen vorgestellt, wie Sie Ihren Werten auf die Spur kommen. Was ich in Kursen & Coaching dabei immer wieder beobachte, ist, dass die meisten sich zuwenig damit auseinandersetzen, was der jeweilige Begriff konkret für sie bedeutet, wann der Wert sie bereits wesentlich beeinflusst hat und welche Schlüsse sich auf das aktuelle und zukünftige Leben ziehen lassen.

Sprich: sie „erden“ und vertiefen zu wenig, so dass die Beschäftigung mit den so wichtigen persönlichen Denk- und Handlungstreibern eher auf philosophisch-abstrakter Ebene bleibt und letztlich keinen praktischen Nutzen für sie hat, ihnen also beispielsweise zukünftig bei der Entscheidungsfindung helfen könnte. 

Daher möchte ich Sie heute einladen, sich anhand des Wertes „Freiheit“ einmal intensiver in einen Wertebegriff einzudenken und möchte das anhand meiner eigenen Überlegungen beispielhaft verdeutlichen.

Eigene Überlegungen zum Wertebegriff „Freiheit“

Ein guter Einstieg in die Vertiefung ist es, sich zunächst mit der allgemein gängigen Definition auseinanderzusetzen. Wie die meisten Wertebegriffe ist ja auch Freiheit ein großes Wort. Dieses mal für sich zu beschreiben, ist gar nicht so einfach.

Um besser rein zu kommen, können Sie im Lexikon oder auf Wikipedia nachschlagen. Danach reflektieren Sie die Definition für sich und ziehen Ihre eigenen Schlüsse. Halten Sie Ihre Erkenntnisse schriftlich fest. 

Auf Wikipedia ist der Begriff so definiert: 

„Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel verstanden als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt allgemein einen Zustand der Autonomie eines Subjekts.“ 

Hier sind meine Überlegungen dazu grob zusammengefasst:

Hm. Wirklich autonom ist aus meiner Sicht kein Mensch. Und wer kann schon von sich behaupten, tatsächlich immer und ohne Zwang wählen und entscheiden zu können? Ich kenne keinen. Wir sind soziale Wesen, wollen und brauchen Beziehungen. Diese bringen viel Schönes, erfordern jedoch auch Kompromisse, die wiederum die persönliche Freiheit einschränken. Wir unterliegen diversen physischen Gegebenheiten, die wir akzeptieren müssen. Wir brauchen in unserer Welt Geld zum leben … – Vollkommene Freiheit ist eine Illusion, das ist klar. … Und so weiter. 

Je tiefer Sie sich eindenken und je klarer Ihre eigene Begriffsvorstellung ist, desto einfacher kommen Sie auf eigene Verhaltensweisen oder Wünsche. 

Wie hat Sie der Wert bislang beeinflusst?

Als nächstes können Sie Ihre Biografie anschauen und herausfinden, bei welchen Entscheidungen oder Wendungen Sie dieser Wert maßgeblich beeinflusst hat. 

Hier lesen Sie wieder einige meiner Überlegungen dazu: Freiheit ist einer meiner zentralen Werte. Bei mir bestimmt der Drang danach ganz ordentlich mein Denken und Handeln, das kann ich mit Blick auf meinen bisherigen Lebensweg gut erkennen. Wenn ich zurückschaue, hat er mich immer wieder bewogen, gravierende Dinge in meinem Leben zu ändern.

So habe ich mich mit Anfang zwanzig aus meinem ersten Beruf verabschiedet, aus dem der Sekretärin. Das Arbeiten nach den Vorgaben anderer war mir zu eng. Ich wollte eigenständiger arbeiten. 2008 habe ich meine durchaus um vieles freiere und sehr gut honorierte Führungsposition bei Siemens zugunsten der Selbstständigkeit an den Nagel gehängt. Auch hier war der Wunsch nach noch mehr Gestaltungsmöglichkeit und Selbstbestimmung ein entscheidender Antrieb. 

Auch dass ich keine Kinder habe oder nie einen Kredit für ein angestrebtes Objekt aufgenommen habe, ist im Wesentlichen meinem Wunsch nach Freiheit zuzuschreiben. – Bei all den genannten Dingen habe ich das Gefühl, sie würden mich mehr einschränken, als die damit verbundenen Vorteile und schönen Seiten mir zurückgeben könnten. 

Freiheitswünsche klar machen

Nun richten Sie Ihren Blick darauf, ob und wo konkret Sie diesen Wert aktuell leben. Fragen Sie sich, welche Denk- und Verhaltensweisen in Ihrem Alltag auf dem jeweiligen Wert beruhen. Schreiben Sie auch diese Überlegungen auf. 

Das sind ein paar der Meinigen: Ich unterscheide nach großen und kleinen Freiheiten.

Große Freiheiten

Zu den großen Freiheiten gehören für mich Dinge wie 

  • als Selbstständige (so ziemlich) Herrin über meine Zeiteinteilung zu sein,
  • mich keinerlei religiösen, politischen oder sonstigen Gruppierungen zugehörig zu fühlen und mich infolgedessen deren Regeln zu unterwerfen,
  • weitestgehend die Wahl zu haben, mit Menschen zusammenzuarbeiten, „mit denen die Chemie passt“ und zu Themen, die ich als sinnvoll erachte,
  • in Gedichten, Geschichten oder Magazinbeiträgen meine Ansichten und mich Bewegendes zu äußern, 
  • mir nichts aus Ideologien, Gurugelaber, Trends und Moden zu machen, sondern meinen Eigensinn zu pflegen.

Kleine Freiheiten

Unter kleinen Freiheiten verstehe ich genussvolle, ganze bewusste Schmankerl, die ich besonders würdige. Dazu gehört

  • nicht ständig erreichbar sein zu müssen,
  • oft arbeiten zu können, wo ich will, z. B. auf der Terrasse, in meinem Büro oder im Cafè,
  • spontan verreisen zu können. Das ist für meinen Partner ok, ein Haustier habe ich nicht und meine Pflanzen werden über ein Bewässerungssystem versorgt, 
  • ohne schlechtes Gewissen einen Tag im Bett zu verbringen oder bei ein, zwei Glas Rotwein zu viel in einem guten Gespräch zu versacken.

 

Freiheit hat natürlich auch ihren Preis

Als nächstes denken Sie darüber nach,

  • welchen Preis der Wert mit sich bringt 
  • warum Sie bereit sind, diesen zu zahlen
  • gegen welchen anderen Wert Sie sich zugunsten des aktuell beleuchteten schon entschieden haben. 

 

…hier wieder weiter mein Beispiel: 

Einer meiner engsten und langjährigsten Freunde sagt mir bezeichnenderweise vor allem in Krisenzeiten immer wieder:

„Du gehörst zu den freiesten Menschen die ich kenne.“

Das tröstet mich dann tatsächlich und das tut es deshalb, weil nicht wenige meiner Tiefphasen aus meinem Drang nach Freiheit rühren. Ob es um Beziehungen ging, die nicht funktionieren, weil die jeweiligen Ideen, Erwartungen oder Konzepte nicht (mehr) zusammenpassten oder finanzielle Engpässe, die daraus entstanden sind, weil ich nicht (mehr) bereit war, für Arbeit- oder Auftraggeber zu werkeln, deren Werte und Ziele offensichtlich nicht zu meinen passten. – Immer wollte ich gemäß meinen Vorstellungen wählen und entscheiden, was das Richtige für mich ist – und das hat eben auch Konsequenzen.  

Der liebe Freund macht mir also dann wieder glasklar bewusst, was ich, gefangen im jeweiligen Trauertal zumindest vorübergehend vergesse: Freiheit hat ihren Preis!

Doch diesen, wo für mich sinnvoll, zu bezahlen, ist es mir offensichtlich immer wieder wert. – Und das ist das Wichtige, das Ausschlaggebende. Dann nämlich bereichert und beglückt mich mein Freiheitswille schlussendlich mehr, als er mich quält oder kostet. Ich kann und will nicht ohne ihn. Strebe immer wieder nach dem größtmöglich machbaren Maß, auch wenn das bedeutet, Ängste zu überwinden, Unangenehmes auszuhalten, traurig zu sein oder neu durchstarten zu müssen.

Sie sehen: Je intensiver Sie reingehen und den verdichteten, oft diffusen Wertebefriff für sich auseinandernehmen und konkretisieren, desto ist die Selbsterkenntnis.

Weiterführende Reflexionsfragen sind zudem:

  • Wie wichtig ist Freiheit für mich im Vergleich zu anderen Werten? 
  • Worauf verzichte ich für dafür? – Worauf nicht? – Ist das so stimmig für mich?
  • Wo stelle ich Freiheitswünsche zugunsten anderer, für mich ebenfalls wichtiger Werte zurück?
  • In welchen Lebensbereichen (Beruf, Partnerschaft…) oder in welchen konkreten Situationen (Zeitplanung, Freizeitgestaltung…) wäre ich gern freier?
  • Was könnte ich dafür tun?

Die Vorgehensweise und die Reflexionsfragen können Sie für jedweden Wert anwenden, der Ihnen wichtig ist. Dann fällt es Ihnen auch leichter, die im Beitag beschriebene Werte-Hierarchie aufzustellen und die Erkenntnisse können Ihnen bei Zukunftsplänen, inneren Konflikten oder Entscheidungsschwierigkeiten wirklich helfen.  

  Ein Kommentar zu “Werte begreifbar machen – hier am Beispiel „Freiheit“

  1. Michael Förster
    18. Februar 2013 at 18:48

    Hallo Frau Rubin, der Beitrag hat mir echt gut gefallen. Er sagt klar, wie die Vorgehensweise ist. Das ist das eine. Was ich auch richtig gut fand – er ist persönlich und das ist oft ja auch mit Mut verbunden. Ihr Beispiel hat mich angeregt und ich habe mich darauf hin damit beschäftigt, was Freiheit für mich bedeutet. Das mal klarer auf dem Schirm zu haben, hilft vor allem auch, die eigene FReiheit zu schätzen.

    Mal wieder ein gelungener Beitrag. Ich komme gerne bei Ihnen vorbei. Bis bald, Michael Fröster

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